Follow the Leader: So, ein kleines Vorwort vor dem Vorwort. Ich weiß, dass es diesmal sehr lange gedauert hat, was mir wirklich leid tut. Ich habe derzeit unheimlich viel um die Ohren und dann erforderte gerade diese Episode einfach mehr Arbeit als andere. Ich wollte dieser Folge nun einmal ausreichend Rechnung tragen und das bedeutet auch so viel Zeit in die Rezension zu investieren, wie die Folge verdient. Grundlegend wollte ich noch anmerken, dass die Übersetzungen für den ein oder anderen an manchen Stellen etwas zu frei wirken mögen, doch bin ich kein Freund dieser wortwörtlichen Übersetzungen, die dem Ganzen im Deutschen viel eher einen anderen Sinn geben als etwas freiere Übersetzungen. Ich würde jedem mit Verständnisproblemen bei der Originalfassung immer die Transcripte im englischen Lostpedia ans Herz legen, wenn er auf meine freien Übersetzungen nicht so viel gibt. So jetzt steige ich aber mal mit der Rezension selbst ein und komme zum eigentlichen Vorwort^^:
Warum denn nicht gleich so? Ich hab am Ende davor gesessen und gedacht: Huch? Das war’s schon? Und das ist ja nun das beste Zeichen, wenn man gar nicht gemerkt hat, dass die 42 Minuten schon um sind. Das war er also, der große Auftakt zum fünften Staffelfinale und bis auf einige wenige Spoilerleser dürfte wohl jeder rundum begeistert sein. Vielleicht etwas ärgerlich für jene, die einige der Spoiler gelesen hatten, war, dass die Episode zwar Richard-zentrisch war, jedoch nicht so wie man es sich erhofft hatte. Außerdem war der erste Auftritt von Jacob für diese Folge vorhergesagt worden, aber na ja, warten wir halt noch eine Woche oder noch ein Jahr oder... ach was weiß ich. Nichtsdestotrotz zählt „Follow the Leader“ zu den besten, aber auch bedeutendsten Episoden in der Geschichte von „Lost“. Das letzte Mal hat man wohl bei „Der Mann hinter dem Vorhang“ schon beim Gucken so intensiv gespürt, dass jedes Detail der Episode von Bedeutung ist. Die Episode beinhaltet drei Handlungsstränge, die ich auch nacheinander abhandeln möchte.
Beginnen wir mit James und Juliet bzw. Hurley, Miles und Jin in Dharmaville: LaFleur und Juliet sitzen gefesselt im Dharma-Securityheadquarter – Jims altem Arbeitsplatz. Stuart zeigt auf einen der Monitore, wo gerade das Überwachungsband von Kate auf dem Weg zu den Anderen läuft. Radzinsky fragt, wo diese Frau sei und James antwortet: „Ich will meinen Anwalt!“ Stuart schlägt ihn und wird von Horace zurückgepfiffen. Der Hippiebruder findet, dass man das auch friedlich regeln kann, mit viel Peace und Liebe und gutem Karma, damit das Chakra nicht so durcheinanderkommt. Er befiehlt Radzinsky also viel Friede, doch der erwidert, dass Horace nicht mehr das Kommando hätte, da ihm einfach der Mumm fehle, das zu tun, was nötig ist – jetzt klingt er wie Ben oder Charles. Doch anders als Ben, sondern eher wie Widmore, lässt er jetzt von seinem Lakaien Phil weiterprügeln, denn dem macht das nach einem Tag im Wandschrank richtig Spaß. James landet mit dem Kopf auf dem Pult vor den Monitoren und Radzinsky fragt ihn (angeblich ein letztes Mal), wo sie ist oder... „Oder – so wahr mir Gott helfe - werde ich dich töten!“ Was auch sonst? – Stuart, die Platte hat ’nen Sprung!
Das Hau-drauf-Spielchen geht dann noch eine Weile weiter. Jeder darf mal zulangen, jeder darf mal irgendwem androhen, dass er ihn umbringen wird und letztlich fragt Radzinsky immer mal wieder, wo Kate hin ist und wo man die Feinde, zu denen sie ging, finden kann (ja, der denkt prinzipiell nicht nach, bevor er fragt). Phil kommt dann noch auf die Idee Juliet ordentlich eine zu scheuern, damit Jim endlich seine andere Freundin verrät. Das Ganze endet erst, als Mitch vorbeikommt und Radzinsky mitteilt, dass er weder Miles noch Jin finden kann, aber dass sowohl Jack Shephard als auch Kate Austen erst ganz kurzfristig als neue Rekruten gemeldet wurden. Genau wie eine weitere Person, deren Namen Mitch Radzinsky auf der Liste zeigt. „Wer zur Hölle ist Hugo Reyes?“, fragt Stuart. „Er ist der FETTE Typ“, zischt Phil. Son of a Bitch – keiner beleidigt Hurley!
Apropos Hurley: der tut gerade das, was er am besten kann: Dharma-Junkfood in einen Rucksack stopfen. Voll bepackt eilt er damit zu Jin und Miles, am Rande der Siedlung, irgendwo im Gebüsch. Böse Zungen könnten jetzt mutmaßen, dass Hurley einfach der einzige war, bei dem es keinen Verdacht erweckt, wenn er eine Monatsration Dharmafraß aus dem Lager mitnimmt. Doch ist es wohl sehr viel wahrscheinlicher, dass er als Küchenchef einfach die richtigen Connections hatte. Allerdings bleibt sein völlig unverdächtiges Verhalten während des Alarms nicht unbemerkt und Pierre Chang folgt ihm.
Hurley ist uneins mit Miles und Jin über das weitere Vorgehen, da Hurley nicht bereit ist Sawyer und Juliet einfach zurückzulassen, obgleich Miles’ Ansicht, es wäre absolut chancenlos, sie befreien zu wollen, durchaus was für sich hat. Doch kommen sie gar nicht dazu das Ganze auszudiskutieren, da Pierre Chang aus dem Gebüsch tritt. Diesen wunderbaren Dialog, der nun folgt, will ich einfach mal ungefiltert übersetzt wiedergeben: MILES: Dr. Chang? Was tun Sie hier? PIERRE : Ich könnte euch das selbe fragen. HURLEY: Aber wir haben zuerst gefragt. PIERRE : Euer Freund Faraday sagte, ihr wäret aus der Zukunft. Ich muss wissen, ob er die Wahrheit gesagt hat. HURLEY: Alter, das ist lächerlich. PIERRE : Wann bist du geboren? Welches Jahr? HURLEY: Uh... 1931? PIERRE : Dann bist du 46? HURLEY: Jaaah? Ja, das bin ich.. PIERRE : Also hast du im Koreakrieg gekämpft? HURLEY: So etwas gibt es nicht. PIERRE : Wer ist der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten? HURLEY: Alles klar, Alter, wir sind aus der Zukunft. Sorry. PIERRE (zu Miles): Dann ist es also wahr? Du bist mein Sohn? MILES: Jepp, das ist wahr. PIERRE : Euer Freund – der Physiker – sagte mir, ich solle jeden, den ich wegschicken kann, von der Insel evakuieren. Er sagte, es werde einen katastrophalen Unfall im Schwan geben. Ist das wahr? MILES: Bislang lag er mit allem richtig. Wenn Faraday mir sagen würde, ich solle die Menschen von der Insel schaffen, würd ich es tun! PIERRE : Gut, dann lasst uns hoffen, dass er weiß, was er tut. Besonders lustig ist das, wenn man sich an die Ankunft von Hurley, Jack und Kate in Dharmaville erinnert, denn damals sagte Hurley folgendes zu Sawyer: „Was ist, wenn sie anfangen uns Fragen zu stellen, die wir nicht beantworten können... wie, ähm, wer ist 1977 Präsident?“ Worauf James damals antwortete: „Das ist keine blöde Gameshow, Hugo!“
Was Pierre nun dazu veranlasst hat, Daniel doch Glauben zu schenken oder zumindest in Erwägung zu ziehen, dass jener die Wahrheit gesagt hat, sei mal dahin gestellt. Vielleicht genügte schon ein Funken des Zweifels, um kein Risiko eingehen zu wollen, was ihn zunächst mal zum sympathischsten Dharma-Offiziellen machen dürfte. Nach dem Gespräch mit Sohnemann, Hurley und Jin eilt Pierre ins Securityheadquarter und fordert Horace auf, die Insel zu evakuieren, jeden, der nicht dringend benötigt wird, fortzuschicken, doch mittlerweile hat Radzinsky die Befehlsgewalt und der will erst mal wissen, warum Dr. Chang nicht beim Schwan ist, da sie in 20 Stunden einen Durchbruch machen wollten. Chang versucht zu erklären, dass es dann einen katastrophalen Unfall geben werde. Stuart will davon nichts wissen und Pierre wendet sich an Horace, doch Radzinsky sagt eindringlich, dass er nun das Ruder in der Hand habe und es seine Entscheidung sei und die stehe fest – „Die Arbeit wird fortgesetzt!“ Irgendwie komisch... so paranoid wie er sonst immer ist, hätte man eher erwartet, dass er brüllt: „Oh, mein Gott! Wir werden alle sterben! Ich muss meine Mutter anrufen... ich muss meinen Anwalt anrufen, ach, vergiss das mit dem Anwalt! Egal, wer dafür verantwortlich ist, erschießt ihn! Tötet ihn! Tötet ihn! Moment, ich bin dafür verantwortlich... Entschuldigt mich mal ganz kurz, ich hol mal eben meine Schrotflinte...“
Stattdessen meldet sich nun Jim zu Wort und verkündet, dass Chang recht habe und sie auf das U-Boot wollen. Also machen er und Radzinsky einen Deal: James malt Stuart eine Karte (kommt euch das auch so bekannt vor?) zu seinem Heißluftba... ähm zu den Feinden und dafür dürfen er und Juliet auf die Galaga und runter von der Insel, bevor der fanatische Chirurg alles in die Luft jagt oder Stuart allen ihre Zahnfüllungen durch die Schädeldecke jagt.
Aus der Ferne beobachten Miles, Jin und Hurley, wie die Evakuierung vonstatten geht. Charlotte und ihre Mutter kommen gerade am Pier an und Pierre Chang ist äußerst rüde zu Lara, um ihr Leben zu retten. Miles versteht nun einiges besser und vermutlich ist dies der Moment, in dem er seinem Vater alles verzeiht, da er begreift, dass er ihn und seine Mutter nie ihm Stich gelassen hat, sondern sie fortschickte in dem festen Glauben, es sei die einzige Möglichkeit, ihre Leben zu retten. Doch dann werden plötzlich James und Juliet in Handschellen über den Anleger geführt. Miles ist ziemlich nervös, doch Hurley beruhigt ihn: „Keine Sorge. Die kommen schon klar. Sawyer hat immer ’nen Plan, oder?“ Ja, aber anders als bei Ben sind die zwar meistens, aber leider nicht immer, von Erfolg gekrönt – genau das hat ihn ja in diese Situation gebracht. In der Tat hat Sawyer aber schon einen Plan: Microsoft kaufen und beim 78er Super Bowl auf die Dallas Cowboys wetten und so mehr Geld zu scheffeln als der Chef von IKEA – für einen Trickbetrüger ist so eine Zeitreise nun mal eine tolle Einnahmequelle.
An Bord der Galaga werden James und Juliet angekettet und James erklärt seiner Angebeteten nicht nur seine Liebe, sondern auch, dass sie in den Staaten freie Leute sind, da die Dharma dort keine Macht mehr über sie hat – schließlich sind jene keine Bullen und obendrein hat James gegen keine Gesetze verstoßen – zumindest in dieser Zeit noch nicht. Als die Galaga gerade ablegen will, kommt noch eine weitere Gefangene an Bord: Kate. Und warum die nun mal wieder in Handschellen wo hingeführt wird, erfahrt ihr gleich nach der nächsten Maus... oder nach dem nächsten Rauchmonster...

Kate erklärt Daniel einige Stunden zuvor gerade für verrückt und Jack erwidert, dass es doch möglich wäre, dass Daniel recht habe. Mittlerweile klingt Jack nicht mehr wie Locke, sondern wie Danielle – sprich: absolut durchgeknallt. Aus dem Individualisten, dem das Schicksal am Arsch vorbei ging und der immer alles alleine in Ordnung bringen wollte, wurde jemand, der an das Schicksal glaubt und sich darin fügen will, weil er eh’ nichts ändern kann. Doch jetzt? Jetzt haben wir beides zusammen – das ist wie Große Koalition, eines alleine ist schon schlimm genug, aber erst beides zusammen.... . Jack demonstriert schon zu Beginn der Folge, dass er nichts, aber auch gar nichts dazu gelernt hat und selbst als Daniel vor seinen und Kates Augen abgeknallt wird, rafft Jack nicht, dass die Dinge sind, wie sie sind. Selbst wenn man vom freien Willen mehr hält als vom Schicksal, muss man doch mal akzeptieren, dass man nur die Zukunft ändern kann, aber niemals die eigene Vergangenheit – auch mit 15 Zeitmaschinen geht das nicht. Kate, die tatsächlich mal geistesgegenwärtiger ist als Jack (gut gehört im Moment auch nicht viel dazu), schafft es leider gerade noch, ihn davon abzuhalten, Eloise auch noch vor die Flinte zu rennen – schade eigentlich.
Doch wie aufs Kommando kommt Charles angeritten und fängt zusammen mit einem anderen Anderen Kate und Jack in bester „Planet der Affen“-Manier ein. Ist ja nicht das erste Mal, dass man gewisse Parallelen zwischen den Anderen und den besagten Affen beobachten könnte. Eloise entdeckt derweil bei ihrem Sohn ein Tagebuch, in das ihr älteres Ich eine Widmung geschrieben hat. Als sie ihre Handschrift erkennt, muss sie der Wahrheit in der Gestalt ihres Sohnes in dessen tote Augen sehen. Als Charles mit seinen Gefangenen, die behaupten, zu Daniel zu gehören, in das Lager marschiert, ordnet Eloise an, man solle die beiden in ihr Zelt bringen, denn sie würden nicht zur Dharma gehören.
Im Zelt kommt natürlich das, was wir schon kennen: Jack kriegt erst mal eins aufs Maul, weil er selbiges mal wieder zu weit aufgerissen hat. Warum meinen auf dieser Insel alle, ihre Gefangenen prinzipiell erst einmal verprügeln zu müssen? Als Erik weg ist, will Kate das Gespräch von vorhin fortsetzen, wissen was Jack meinte, als er sagte, man könne alles wieder geradebiegen. Jack erklärt ihr, dass es möglich wäre, dass sie deswegen in dieser Zeit gelandet sind, damit sie ihre Chance nutzen, die Zukunft so zu verändern, dass all das nie passiert. Er will, dass Oceanic 815 regulär in Los Angeles landet und all die Menschen, die in Folge des Absturzes starben, weiterleben. Jack möchte das ganze Leid der letzten Jahre ungeschehen machen. Kate versucht gerade, ihm die Vorzüge des Absturzes nahe zu legen, als Eloise in das Zelt kommt. Nach einem Gespräch mit Jack sieht sie eine Gelegenheit, das gerade Geschehene rückgängig zu machen. So langsam wird hier nun ein Schuh draus. Eloise ist zu diesem Zeitpunkt bereits von Charles mit Daniel schwanger. Das Tagebuch gibt ihr nicht nur den klaren Beweis dafür, dass Daniel tatsächlich ihr aus einer anderen Zeit stammender Sohn ist, sondern auch dass er glaubte, einen Weg gefunden zu haben, das Geschehene rückgängig machen zu können. Eloise will also, dass Daniel sich selbst rettet und dafür schickt sie ihn später auf die Insel. Allerdings müsste ihr das Paradox daran klar sein: Wenn der Absturz von Oceanic 815 verhindert wird, damit Daniel und auch Jack nie auf die Insel kommen, kann Daniel Jack kaum überreden, die Dinge zu ändern. Daniel hat im Moment seines Todes vermutlich begriffen, dass es tatsächlich unmöglich ist, etwas zu ändern und Eloise wird es wohl auch gemutmaßt haben, aber wenn sich doch etwas ändern ließe, dann könnte das aus ihrer Sicht nur Daniel selbst. Folglich ermutigt sie ihn später all das zu lernen, was er braucht um den Lauf der Dinge zu verändern. Ferner bringt das Tagebuch selber Licht in Eloise’ Vorgeschichte. Das Wissen über Zeitreisen, das Universum und die Zukunft hat sie aus Daniels Buch, doch mit Daniels Tod endet dessen Dokumentation des Geschehenen, weshalb Eloise zu Penny letzte Folge im Krankenhaus sagte, sie wisse zum ersten mal seit langer Zeit nicht, was als nächstes passiere.
Jack überredet Eloise nun also, ihn zu der H-Bombe zu bringen. Da gibt es jedoch einen Haken: die Dharma-Initiative hat munter ihr Dorf über dem Versteck von Jughead errichtet. Also müssen sie einen anderen Weg finden, um an die Bombe zu kommen. Von Richard und Erik begleitet machen sich Eloise, Jack und Kate in Richtung Wasserfall auf. Charles hat zwar Einwände, wird jedoch schlichtweg ignoriert. Am Wasserfall angekommen weigert sich Kate den nötigen Tauchgang zu den Tunneln mitzumachen. Sie kann nicht gutheißen, was Jack da vorhat und entscheidet nach Gewissen. Sie will zurück zur Dharma-Siedlung, doch Jack gibt ihr zu Bedenken, dass sie dort kaum mit offenen Armen empfangen werden würde: „Sie... sie haben versucht uns zu töten!“ – „Und was versucht ihr gerade zu tun? Lebwohl, Jack!“ Da erhebt Erik sein Gewehr und zielt auf Kate. Eloise bemerkt, dass sie es sich nicht leisten könnten, Fremden ihre Geheimnis zu verraten und sie dann gehen zu lassen. Jack protestiert, doch ehe Erik auf Kate schießen kann, wird ihm selbst eine Kugel in den Wanst gejagt. Wie aus dem Nichts ist Sayid aus dem Gebüsch aufgetaucht – muss sich wohl irgendwo einen Tarnumhang geliehen haben... vermutlich bei Ben, der vielleicht nicht nur aussieht wie Harry Potter.
Richard reagiert Eloise gegenüber sehr ungehalten, als diese Sayids Tat einfach übergeht, als wäre nichts passiert. Sayid selbst sitzt dann gerade mit Jack und Kate etwas abseits im Wald und als er von Jack hört, was der vorhat, muss er erst mal mit seiner eigenen Glanzleistung angeben: „Ich weiß ja nicht, ob euch das klar ist, aber ich habe schon etwas verändert. Ich habe Benjamin Linus ermordet und wir sind immer noch hier!“ Zu dieser Bombenaktion teile ich ausnahmsweise mal Kates Meinung voll und ganz, denn die erklärt Sayid, dass er nicht tot sei, weil sie ihn gerettet habe und fügt, als Sayid fragt, warum sie das getan hätte, hinzu: „Seit wann ist es in Ordnung Kinder zu erschießen oder Wasserstoffbomben in die Luft zu jagen!?“ Jetzt fängt Jack wieder mit seiner Schicksalskiste an und Kate erklärt ihm, er klinge wie Locke, den er selbst einst für verrückt erklärt habe. Meiner Ansicht nach hat Jack es sogar fertig gebracht, Locke in punkto Schicksalsfanatismus noch zu übertreffen – wer hätte das für möglich gehalten? Im Moment sieht es ganz danach aus, als würde Jack so in Lockes Rolle reinwachsen, wie der in Bens Rolle hineinwächst. Stellt sich nur die Frage, wann Ben anfängt keuchend über die Insel zu rennen, ständig „Ich krieg das wieder hin“ zu sagen und sich selbst Blut mit der Nadel eines Seeigels abzunehmen. Kate macht der echte Jack aber mehr Sorgen und sie stellt sich ganz klar gegen ihn: „Ich geh’ zurück, um den Rest unserer Leute zu finden, denn wenn ich dich nicht stoppen kann, können sie es vielleicht!“ Das war einer der ganz seltenen Momente, wo ich alleine vor dem Bildschirm gesessen und geklatscht habe. Ausnahmsweise muss ich mal sagen: Danke, Kate! Oder wie Ben es einmal ausdrückte: „Wenigstens weiß hier eine noch, was sie tut!“
Jetzt wissen wir zumindest schon mal wie Kate auf die Galaga kommt, aber mit Jack sind wir deshalb noch nicht ganz fertig. Der taucht jetzt Richard hinterher durch eine überflutete Höhle unterhalb des Wasserfalls. Ich persönlich finde das ja immer wieder erstaunlich, wie lange manche Leute im Fernsehen in völlig unbekanntem Terrain tauchen können. Aber Jack taucht mal eben auf gut Glück durch die Höhle und findet sich am Ende in einer großen Grotte wieder, die jedoch nicht gänzlich natürlichen Ursprungs zu sein scheint. Es gibt Säulen neben dem Unterwasserzugang und große Steinfließen am Boden. Der Ort erinnert ein wenig an die Kammer von Cerberus unterhalb des Tempels, nur das man hier weit weniger Hieroglyphen vorfindet (nur unmittelbar neben dem Eingang, durch den Jack gekommen ist) und die Wände natürlichen Ursprungs sind. Da Eloise und Richard von diesem Ort als die „Tunnel“ sprechen, können wir wohl davon ausgehen, dass der Eingang unter dem Wasserfall nicht der einzige ist. Jack fragt Richard auch, ob sie die Bombe, als sie diese auf Faradays Rat hin versteckten, durch den gleichen Eingang reingebracht hätte, wie über den, den sie gerade genutzt hätten. Richard verneint dies mit einer gewissen Überraschung. Die Bombe selbst wird unter einem Tuch in der Mitte der Halle aufbewahrt und scheint irgendwie eingelaufen zu sein... na ja, noch so eine „Planet der Affen“-Anleihe. Fehlen nur noch ein paar mutierte Andere, die das olle Ding anbeten. Zumindest wissen wir jetzt, dass die Bombe bis dato nicht im Schwan ist, aber dort wohl enden wird. Man kann mutmaßen, dass Jack den Vorfall, bei dem Versuch ihn aufzuhalten, überhaupt erst auslöst und die Versiegelung im Schwan in Zusammenhang mit Jughead steht. Eine weitere – auch schon von anderen im Blog geäußerte – Theorie wäre, dass auch die Schwangerschaftsprobleme eine Folge des Vorfalles sind. Es wäre möglich, dass die Strahlungsrückstände die Uteri der Frauen auf der Insel so schädigen, dass Schwangerschaften, die vollständig auf der Insel stattfinden, nicht mehr ohne Komplikationen verlaufen können. Daniel wird also in einem Punkt recht behalten: der Vorfall ist der Dreh- und Angelpunkt aller Ereignisse bei „Lost“. Dass Jack tatsächlich Erfolg mit seinem Plan hat, ist meinen Augen überaus unwahrscheinlich. Es würde jeden auf der Insel töten, wenn er Jughead ganz normal zündet. Vermutlich wird das starke Magnetfeld beim Schwan die Energie der Bombe irgendwie kanalisieren und diese Energie wird dann später in kleinen Stößen alle 108 Minuten freigesetzt – wie bei einem Überdruckventil. Ein Ende wie bei „Wächter des Tages“, wo die Veränderung des Schicksals einem irgendwie das Gefühl gibt, man hätte die Filme ganz umsonst geguckt, würde mich zumindest maßlos enttäuschen. Gehen wir jetzt aber erst mal gut gelaunt ins Jahr 2007 – zurück in die Zukunft:
Richard hat nach all den Jahren auf der Insel endlich ein Hobby gefunden: er baut Buddelschiffe – vorzugsweise welche, die ganz zufällig aussehen wie die Black Rock. So wie er aber mit dem Essstäbchen in der Flasche rumstochert, muss ihm da wohl wer geholfen haben, denn normalerweise baut man die Schiffe draußen mit eingeklappten Masten fertig, schiebt sie durch den Hals und richtet die Takelage auf. Aber vielleicht gehörte das Buddelschiff auch Ben und Richard hat sich gedacht: „Wenn der zurückkommt, hab ich das kaputt gemacht – hähähä!“ Zumindest wird Richard bei seiner neuen Freizeitbeschäftigung von einer dunkelhaarigen Anderen gestört, die Mr. Eyeliner mitteilt: „Richard, er ist hier!“ Er? Jacob? – Nein, John. Die Anderen sollten sich bezüglich ihrer vagen Personenbeschreibungen endlich mal auf was einigen.
John marschiert also zwischen Tintenfischen auf Wäscheleinen hindurch ins Lager der Anderen. Auf den Schultern hat er wie Asterix ein Wildschwein und verkündet vor jeglicher Begrüßung: „Ich hab Abendessen mitgebracht!“ John, das ist Richard und nicht Hurley – Essen ist zweitrangig. Richard kommt dann doch mal ein gesta-stammeltes „John?“ über die Lippen und John kommt endlich auf die Idee, auch Richard zu begrüßen: „Hallo, Richard. Ist ein Weilchen her!“ – „Es ist... es ist, öhm, drei Jahre her. Was ist passiert? Was.. wo... wo warst du?“ Den Anderen mangelt es wohl nicht nur an Chirurgen, sondern auch an Logopäden – aber das ist irgendwie sowieso die Folge der gestammelten Dialoge. Andererseits sollten sich John und Ben echt was schämen! Die rufen nicht an, die schreiben nicht. Okay, ist in dem Fall auch nicht so leicht, aber wofür gibt’s Flaschenpost?
John will Richard zumindest alles auf dem Weg erklären, denn sie hätten eine wichtige Besorgung zu machen. Kaum isser da, will er schon wieder weg – Locke ist wahrlich ein unruhiger Geist geworden. Wo ist der Locke hin, der im Regen am Strand meditiert oder in seiner Inselsauna Halluzinogene gelutscht hat? Auch Richard bemerkt die Veränderung an John und als er ihn danach fragt, erwidert John ihm: „Ich habe jetzt eine Aufgabe!“ Nun erreichen auch Ben und Sun das Lager und bleiben etwas abseits stehen. Richard fragt John, was „er“ (bei Smokeys qualmendem Arsch, drückt euch mal präzise aus!) hier täte. Diesmal meint er wohl Ben und John eröffnet Richard, Ben habe ihm geholfen zurückzukehren.
Sun fragt Ben, warum John von den Anderen als „seinen Leuten“ sprach und Ben erklärt ihr, dass John seinen Platz eingenommen habe, als er gegangen sei. John sei nun der Anführer. „Wer ist der Mann, mit dem er da spricht?“ – „Sein Name ist Richard Alpert. Er ist eine Art... Ratgeber und er hat diesen Job schon eine verdammt lange Zeit!“ Wie von einer Tarantel gebissen rast Sun, mit der einen Hand in ihrer Tasche nach dem Foto der Dharma-Rekruten von 1977 suchend, auf Richard zu. „Waren Sie schon 1977 hier?“, fragte sie und hält dem verwirrten Richard das Foto unter die Nase. „Diese Leute – Jack Shephard, Kate Austen, Hugo Reyes – sie waren hier mit meinem Ehemann – Jin Kwon. Waren Sie hier? Erinnern Sie sich an sie? An ein-einen von ihnen?“ Und dann kommt Richards zum Teil überraschende Antwort: „Ja, ich war vor 30 Jahren hier. Und ich erinnere mich. Ich erinnere mich an diese Menschen. Ich erinnere mich sogar gut daran, sie getroffen zu haben, weil... ich sie alle sterben sah!“
Huch? Also fassen wir das noch mal zusammen: Richard weiß zwar nicht, wer Sun ist und scheint auch so irgendwie die Zeit als die Losties auf der Insel waren gepennt zu haben oder wenn er einen von ihnen 2004 getroffen hat, hat er sich nicht an sie erinnert (klar, glauben wir sofort), aber er erinnert sich daran, sie alle zusammen im Jahr 1977 sterben gesehen zu haben. Auch von den Zeitreisen will er nicht so recht gewusst haben. Sorry, aber die ganze Nummer kauf ich ihm von vorne bis hinten nicht ein Stück weit ab. Er hat mit Kate zum Beispiel mehrmals Kontakt gehabt: 1977 brachten sie und James den verletzten Ben zu ihm und später kam sie mit Jack und Dan zum Lager der Anderen zurück. 2005 haben Richard und Kate zusammengearbeitet, um Ben aus Keamys Gewalt zu befreien. Mit John hat Richard bereits 1954 gesprochen und dabei erfahren, dass John durch die Zeit gereist war, aber er will nicht wissen, was mit Locke passierte, als er plötzlich vor seinen Augen verschwand? Es gibt noch etliche weitere Beispiele. Richard lügt oder spielt zumindest den Verwirrten – das ist sonnenklar. Doch warum? Und warum behauptet er, dass Jack, Kate und Hurley vor seinen Augen gestorben seien. Ist das die Wahrheit? Wohl kaum, denn soweit wir wissen, waren Kate, James und Juliet auf der Galaga, während Richard mit Jack, Sayid und Eloise die H-Bombe scharfmachte. Hätten sie tatsächlich gemeinsam die Bombe gezündet, um den Vorfall zu verhindern, wären nicht nur die Losties tot gewesen, sondern auch Ben, Eloise, Charles, Ethan und Richard selbst. Steht die Bombe jedoch mit dem Vorfall in Zusammenhang und der betraf nur den Schwan, dann wären die Leute auf der Galaga und in Dharmaville davon nicht betroffen. Gehen wir also mal davon aus, dass nicht alle Losties (vielleicht sogar gar keiner von ihnen) 1977 gestorben ist, dann hätten sie zu einem späteren Zeitpunkt sterben müssen. Richard suggeriert, sie seien alle gemeinsam gestorben, doch was wäre, wenn sie erst viel später und getrennt voneinander starben. Jack und Sayid können wir ab sofort wohl getrost zu den Feinden zählen (zumindest eher als zur Dharma). Folglich wäre keiner der beiden bei der Säuberung gestorben. Einige Dharma-Mitarbeiter wie Ben, Ethan oder Amy (ich gehe mal stark davon aus, dass sie Amelia ist) sind in Folge der Säuberung endgültig übergelaufen. Wir wissen nur wenig über die Zeit zwischen der Säuberung und dem Absturz. Letztlich wissen wir nur, dass Charles von Ben um das Jahr 1994 rum verbannt wurde, dass Juliet 2001 auf die Insel kam und einiges über ihre Erlebnisse dort. Die Anderen sind 2007 stark dezimiert und wir können davon ausgehen, dass wenn Richard nicht gelogen hat, die Losties in der Zeit zwischen dem Vorfall und dem Jahr 2007 starben. Es könnte gut sein, dass in dieser Zeit irgendetwas passierte, wovon wir noch nichts wissen. Die einzige andere Alternative wäre, dass Richard nur glaubt, er habe sie sterben sehen. Es wäre ja denkbar, dass John Ben schickt, um die Losties zurückzuholen und das ihr Verschwinden aus der Zeitebene 1977 mit einem Ereignis (etwa dem Vorfall) zusammenfällt, dass Richard suggeriert, sie seien gestorben. Die Energie im Schwan ähnelt der in der Orchidee – Desmond ermöglichte der Schwan die Reise in die eigene Vergangenheit. Könnte also der Vorfall einhergehen mit der Rückkehr der Losties in ihre Zeit?
Richard sucht nun all seine Sachen zusammen, um mit Locke zu gehen. Locke steht mit Sun am Rande des Lagers und Ben sitzt im Sand und blickt aufs Meer. Sun fragt Locke, ob er glaube, dass sie wirklich tot wären und Locke drückt sich gewohnt präzise aus: „Ich glaube nicht, dass wir all das umsonst durchgemacht haben, Sun!“ Richard gesellt sich nun zu den dreien und Locke fragt ihn, ob er den Kompass noch habe, den er Richard gegeben habe. „Etwas rostig, aber er zeigt noch immer nach Norden!“ Locke wendet sich an Ben: „Ben, es würde mich freuen, wenn du uns begleiten würdest!“ – „Was, John, traust du mir nicht, wenn ich hier bei meinen einstigen Leuten bleibe? Angst, dass ich einen kleinen Staatsstreich veranstalte?“ Locke erwidert, er habe vor nichts mehr Angst, das Ben tun könne. „Na, wenn das so ist, würde ich liebend gern mitkommen!“, antwortet Ben und erhebt sich. Bevor sie aufbrechen, wendet Locke sich an Sun und sagt ihr, dass sie hier warten solle, er sei in wenigen Stunden zurück. „Aber was auch passiert, Sun, du hast mein Wort, dass, wenn es irgendeinen Weg gibt, dich und Jin wieder zu vereinen, wenn es einen Weg gibt unsere Leute zu retten, ich ihn finden werde!“
Die Anführer der Anderen gehen nun also auf Betriebsausflug. Richard will von John jetzt endlich wissen, wo er die drei Jahre gesteckt hat (die meiste Zeit in einem Rollstuhl oder Sarg) und fragt ihn das nun auch ganz munter drauf los. Wie wir als Zuschauer muss auch Locke ungläubig fragen: „Du weißt es wirklich nicht?“ – „Nun, ich weiß, dass an dem Tag als unser Ben hier das Rad bewegt hat, du und ich aufm Baumstamm saßen. Dann war da ein helles Licht. Da war ein unglaublicher Krach und dann bist du einfach... verschwunden.“ Jetzt noch mal zum mitschreiben, Richard behauptet, dass er zwar wisse, dass Ben das Rad bewegt hat, aber nicht, was dann passiert ist. Das ist nicht gerade logisch. Richard ist seit langer Zeit auf der Insel und war auch schon da, als das Rad das letzte mal bewegt wurde – von Charles Widmore. Wenn er also von der Existenz des Rades weiß und ihm auch klar ist, dass Ben es bewegt hat, dann muss er auch wissen, was das zur Folge hatte. Im Übrigen hat er John 1954 getroffen und daran erinnert er sich mit Sicherheit. Wir sollten uns also nicht die Frage stellen, warum Richard es nicht weiß, sondern vielmehr, warum er vorgibt, es nicht zu wissen und warum John das Spielchen mitspielt. Auch wenn John nicht ein ganz so heller Kopf ist wie sein glubschäugiger Vorgänger, sollte ihm doch wohl auffallen, dass das alles nicht so recht zusammenpasst.
John spielt aber erst einmal mit und sagt Richard, dass er gleich sehen werde, wohin er damals verschwand. Im Moment interessiert Locke etwas anderes jedoch noch weit mehr und so eröffnet er Richard: „Und wenn wir damit fertig sind, möchte ich, dass du mich zu Jacob bringst!“ Ben versucht John klarzumachen, dass das so nicht funktioniere und John wendet sich direkt an Richard: „Ist das wahr, Richard? Stellt das ein Problem dar?“ – „Du bist gerade erst zurückgekommen, John. Es gibt keinen Grund sich so beeilen zu....“, versucht Richard zu erklären und John lässt es auf eine Machtprobe ankommen, die Ben vermutlich Zeit seines Lebens gescheut hat: „Ich bin jetzt der Anführer. Richtig?“ – „Ja, John“, bestätigt Richard. „Das ist richtig“ – „Gut! Dann möchte ich, dass du mich zu Jacob bringst. Kriegst du das hin?“ Richard bestätigt es, doch wir müssen uns dennoch die Frage stellen, was Richard Alpert so verzweifelt zu verstecken versucht. Ich komme darauf zurück, wenn wir das komplette Bild der Folge haben. Außerdem haben die drei das Flugzeug fast erreicht. „Welches Flugzeug?“ (die dümmste Frage, die Ben je über die Lippen gekommen ist – trotz der großen Auswahl an abgestürzten Flugzeugen).
Die drei erreichen die Absturzstelle der Beechcraft und Locke weißt Richard ein, trägt ihm auf, dem Mann zu helfen, der da gleich im Dschungel erscheinen wird, die Kugel aus dessen Bein zu entfernen und ihm zu erklären, er müsse jeden seiner Leute auf die Insel zurückbringen und sterben, damit ihm das gelinge. Nun erscheint also der unbedeutend jüngere und verwundete Locke und Richard geht zu ihm, um ihm zu helfen. Den Dialog kennen wir ja nun schon. Das interessante daran ist etwas ganz anderes: bislang sind wir davon ausgegangen, dass Richard hier weit mehr Eigeninitiative ergriffen habe. Zwar erwähnt er, Locke habe ihm gesagt, dass er ihn hier finden könne und die Kugel entfernen müsse, aber wer konnte schon ahnen, dass Richard lediglich der Bote des älteren Locke war, der nicht das Risiko eingehen wollte, selbst mit seinem jüngeren Ich zu sprechen. Doch wie mit dem Kompass, der hier von Richard an John als Erkennungszeichen übergeben wird, verhält es sich auch mit den Anweisungen – ein Kreis hat keinen Anfang! Wo kommt der Kompass her, wenn er in einer Zeitschleife festsitzt und zwischen John und Richard hin- und hergereicht wird? Wir sollten uns da wohl damit abfinden, dass er einfach existiert und damit hat sich’s. Der Kompass als Symbol einer exakten Richtungsvorgabe hängt selbst in einem ewigen Kreis fest – der Kompass symbolisiert die Geschehnisse der Serie. Alles baut aufeinander auf und hat seinen Ursprung in sich selbst. Kausalität und Logik sind die einzig unbestreitbar realen Größen in der Natur und diesem Prinzip folgt auch „Lost“. Doch anders als der Kompass als materielles Gut muss die Information irgendwo herstammen. Aus irgendeinem Grund musste Locke ja wissen, wann er hier zu sein hatte und auch wenn all die anderen Infos einen Zirkelschluss bilden würden, muss diese Info von irgendwo kommen. Die Frage wie Locke also an Informationen kommt, die selbst Ben und Richard nicht nachvollziehen können, wird uns wohl noch ein Weilchen beschäftigen. Jacob kann kaum deren Ursprung sein, denn Locke ist ja nicht mal in der Lage ihn alleine zu finden. Oder etwa doch?
Sogar Ben ist über Johns Timing bass erstaunt und John erklärt ihm, die Insel hätte ihm gesagt, wann er hier sein solle. „Hat sie dir nie Dinge gesagt!“ – „Nein, John“ Wie haben wir das nun wieder zu verstehen? Wird wohl mehr ein „So zumindest nicht“-Nein als ein „Die Insel hat mir nie was gesagt“-Nein gewesen sein. Da Ben aber nun mal ein kluges Kerlchen ist, erkennt er prompt den Fehler in John Argumentation: „Und so gesehen hat sie dir nicht einmal gesagt, wo Jacob ist, denn sonst bräuchtest du Richard nicht, um es dir zu zeigen.“ Das Wort, das hier am besten passt ist wohl das eigentlich viel zu inflationär verwendete: „BINGO!“
John schafft es aber abzulenken, indem er Ben aus der Fassung bringt (und das ist in der Tat ein Kunststück, das bislang nur wenigen gelungen ist): „Du hast ihn nie gesehen!“ Und wie schon so oft (gerade in dieser Folge) nimmt mir Ben die Wort aus dem Mund: „Was?“ Wie sagte Ben damals in der Hütte, als Locke das letzte Mal an ihm und Jacob zweifelte: „Ich weiß, dass da jemand ist!“ und (das geb ich bewusst im Englischen O-Ton wieder): „I’m sorry, that you are to LIMITED to see!“ Ich schätze mal, dass Ben zumindest annimmt Jacob gesehen und mit ihm gesprochen zuhaben. Wenn er es nicht hat, obwohl er es glaubt, gibt es nur einen, der einen Grund und die Möglichkeit gehabt hätte, ihn das Glauben zu machen. Kleiner Tipp: Fängt mit „R“ an und hört mit „ichard Alpert“ auf. Richard reagierte schon damals nervös, als Locke verkündete, er und Ben gingen jetzt zu Jacob. Auch dieses mal versuchte er auszuweichen, wollte das John sich Zeit ließe. Irgendjemand muss Ben eingeredet haben, dass „es“ so nicht funktioniert. Erstaunlich ist auch, dass Ben in „Der Mann hinter dem Vorhang“ behauptete, Jacob spräche einzig und allein zu ihm und nur er wisse, wo Er zu finden sei. Doch jetzt ist es Richard, der John zu ihm führen soll. Wenn Richard also gar nicht auf Ben angewiesen ist, um mit Jacob zu kommunizieren, war er dann vielleicht stets auf Ben angewiesen, um die Lüge um Jacob aufrechtzuerhalten? Sollte Richard das Undenkbare gelungen sein, Ben zu täuschen? Existiert Jacob jedoch, muss es einen Grund geben, warum Richard nicht will, dass John mit ihm spricht und John seinerseits glaubt, Ben habe nie mit Ihm gesprochen, obwohl er anwesend war, als Ben und Jacob miteinander sprachen. Okay, jetzt müssen wir natürlich genau sein. John behauptet nicht, Ben hätte nie mit Jacob gesprochen, sondern er habe Ihn nie gesehen. Am Beispiel von Miles und Hurley sehen wir nicht nur, dass das eine nicht das andere ausschließt, sondern auch zu welchem Schluss uns das führen könnte: Jacob ist TOT. Schließlich war Hurley definitiv in der Lage Ihn zu sehen. Das wiederum wirft eine Frage auf: Wäre es möglich, dass nicht John, sondern Hurley derjenige ist, auf den Jacob wartet?
Aber widmen wir uns wieder Richard, der gerade aus dem Gebüsch zurückkommt, nachdem John verschwunden ist. Er bietet John die Kugel an, doch der will sie nicht und fragt, ob alles gut gegangen sei. „Ja, du... du schienst sehr überzeugt, selbst als ich dir sagte, dass du sterben müsstest. Ich bin wirklich froh, dass das nicht wirklich passieren musste.“ – „Letztlich, Richard, passierte genau das. Wir sollten zum Lager zurück.“
Richard will ein Zelt für Locke vorbereiten und sagt ihm, sie würden im Morgengrauen zu Jacob aufbrechen. John möchte hingegen sofort los, denn er sei begierig darauf, Jacob endlich zu treffen. Richard erwidert, dass sie natürlich tun könnten, was er wolle, aber vielleicht sollten sie das unter vier Augen besprechen. John hat jedoch das Gegenteil vor und übergeht Richards Bitte. Stattdessen will er von Richard wissen, ob alle seiner Leute hier am Strand wären und Richard sagt, es sei noch eine kleine Gruppe im Tempel. Etwas zögerlich willigt Richard ein, als John ihn fragt, ob es ihm etwas ausmache, wenn er zu seinen Leuten spräche. Dann folgt Lockes erste große Ansprache als Anführer der Anderen: „Hallo zusammen. Mein Name ist John Locke. Vor einiger Zeit wurde mir erzählt, dass ihr alle Anordnungen von einem Mann namens Jacob entgegennehmt. Und bis jetzt – so merkwürdig das auch ist – scheint keiner ihn je, wenigstens mit eigenen Augen, gesehen zu haben. Ich bin mir sicher, dass es bestimmt gute Gründe gibt, warum seine Existenz und sein Aufenthaltsort so ein gut gehütetes Geheimnis sind, doch weiß ich nicht mal welche das sind. Und um ganz ehrlich zu euch zu sein, wenn es einen Mann gibt, der uns sagt, was wir tun sollen, will ich wissen, wer Er ist!“ Sun fragt ihn, ob dieser Mann namens Jacob wisse, wie man Jin und ihre Leute hierhin zurückholen könnte (auch die Platte hat einen Sprung – aber nicht nur die Platte, sondern auch die Schüssel, die genau wie einige Tassen nicht mehr im Schrank steht). John antwortet: „Ganz genau. Richard hat eingewilligt, uns zu zeigen, wo wir hingehen müssen. Deshalb werde ich nun gehen, um Jacob zu treffen und ich möchte, dass ihr alle mit mir kommt!“
Etwas abseits stehen Richard und Ben beieinander. Richard sagt vertraulich zu Ben: „Langsam aber sicher glaube ich, dass John Locke uns Probleme bereiten könnte.“ – „Was glaubst du wohl, warum ich versucht habe, ihn zu töten?“ Okay, langsam weiß man echt nicht mehr, was man über Bens Mord an John denken soll und wir sollten uns wohl damit abfinden, dass Ben jedem die Fassung erzählt, die für den Empfänger am plausibelsten ist und ihn gleichzeitig selbst in gutem Licht dastehen lässt. Ob wir jemals erfahren werden, ob Ben davon ausging, Locke würde auf der Insel wieder leben? Hat er ihn getötet, weil er ihn langsam mehr als Bedrohung und weniger als Hoffnungsträger sah? Hat er Locke umgebracht, um sich selbst und den Oceanic 5 die Rückkehr zu ermöglichen? Brauchte er die Info über Eloise Hawking oder hat ihn der Name zu einer Affekttat verleitet? Musste Ben nur verhindern, dass Locke Suizid begeht, weil er sonst nicht hätte auferstehen können. Vorläufig müssen wir all diese Möglichkeiten in Betracht ziehen. Viel merkwürdiger ist es, dass Richard, der einst so eifrig gegen Ben intrigierte, um Locke an die Macht zubringen, sich jetzt an Ben wendet, als Locke als Bedrohung zu empfinden beginnt. Der Grund ist einigermaßen offensichtlich: Aus irgendeinem Grund will Richard nicht, dass näheres über Jacob bekannt wird. Richard versteckt etwas – aber was? Ich halte es für müßig hier nun 108 wilde Theorien in den Raum zu stellen, die nicht einmal von der gleichen Grundannahme ausgehen. Aber eben diese unterschiedlichen Grundannahmen, will ich einmal kurz ansprechen:
* Jacob existiert nicht und Richard hat ihn erfunden, um seine eigene Macht zu behaupten. Er selbst kommt dadurch nie in die Kritik und kann Charles bzw. Ben instrumentalisieren, um in Jacobs Namen für ihn zu handeln. Man denke daran, was Richard sagt, als Charles meint, Richard hätte Ben sterben lassen sollen („Dead is Dead“): „Jacob wollte es so!“ Woher zum Geier weiß er das? Problematisch an dieser These ist jedoch folgendes: Als John 1954 ins Lager der Anderen geht, sagt er, Jacob schicke ihn. Wäre Jacob eine Erfindung von Richard, hätte er diesen Schwindel sofort durchschauen müssen.
* Jacob existiert durchaus, wurde aber von Richard und/oder Charles gestürzt und wird mittlerweile in der Hütte Gefangen gehalten – Problem: Jacob ist nicht anwesend, als Locke das zweite Mal zur Hütte kommt
* Ben und Richard täuschen Jacobs Existenz gemeinsam vor. Meiner Meinung nach eine ziemlich blödsinnige These, da Ben beim Rad mit Jacob spricht. Weshalb sollte er, wenn er alleine ist, mit einer Person kommunizieren, die nicht existiert.
* Nicht Ben oder Richard sind die Schwindler, sondern Jacob selbst und sie wissen einfach, dass es problematisch werden wird, wenn Locke nun die ganze Sippschaft zu Ihm bringt.
Es gibt sicher noch 42 andere Möglichkeiten und noch mehr daraus folgende Hypothesen, doch die alle aufzuschreiben schaffe ich bis Donnerstag nicht und dann sind vermutlich eh’ 80% dieser Möglichkeiten ausgeschieden.
Es ist doch Morgen geworden, als Locke mit seiner Karawane der Zweifelnden aufbricht – nächster Halt: Jacobs wohnlicher Geräteschuppen. Ben, die alte Petze, schließt zu John auf, um ihm mitzuteilen, dass Richard nicht sehr erbaut über diese kleine Pilgerfahrt ist. Er selbst stehe nun voll und ganz hinter John, aber Richard sei besorgt, ob John überhaupt wisse, was er da veranstalte. Okay, dass Richard nicht gerade Feuer und Flamme war, als John ihm sagte, er wolle zu Jacob, ist John wohl kaum entgangen, aber so kann Ben sich bei Meister Proper ein wenig einschleimen und das klappt auch: „Ich danke dir, dass du mir das mitgeteilt hast, Ben.“ Ben eröffnet, er werde alles in seiner Macht stehende tun, um John zu helfen, wenn er Jacob bräuchte, um seine Leute zurück zuholen. „Ich habe kein Interesse daran mit meinen Leuten wieder vereint zu werden!“, erwidert John und Ben ist schon das zweite Mal in einer Folge von John aus der Fassung gebracht worden und das dritte Mal folgt dann auch gleich auf dem Fuße: „Du hast Sun gesagt...“ – „Ich weiß, was ich gesagt habe, doch deshalb gehen wir nicht zu Jacob!“ – „Und warum gehen wir dann zu ihm?“ – „Damit ich ihn töten kann.“
Hier dürfte Bens Gesichtsausdruck wohl den meisten wie ein Spiegelbild vorgekommen sein. Warum will John Jacob töten? (Mal angenommen er sagt Ben die Wahrheit.) Da gibt es verschiedene Möglichkeiten:
* Jacob existiert nicht bzw. John nimmt an, dass er es nicht tut und indem er Richards Schwindel entlarvt, tötet er Jacob in gewisser Weise.
* John sollte nicht Ben ablösen, sondern Jacob, weshalb Ben nicht nur zurück zur Insel durfte, sondern John auch sterben und auferstehen musste – er benötigte diese Erfahrung, um Jacob ablösen zu können. Jacob kann vielleicht wie Richard und John nicht sterben, außer sein vorherbestimmter Nachfolger kommt und tötet ihn. Sowohl Jacobs „Hilf mir!“ als auch Horace Aussage, Jacob warte schon seit langer Zeit auf John. Jacob will folglich, dass John Ihn tötet – er will seinen Frieden haben können.
* John weiß etwas über Jacob, was ihn dazu veranlasst, ihm nicht mehr folgen zu wollen. Alles, was wir bislang über Jacob wissen, macht den werten Herren nicht gerade sonderlich sympathisch: Er selbst versteckt sich irgendwo im Wald und lässt Anweisungen von seinen Laufburschen überbringen, die Er austauscht, wenn sie Ihm lästig werden oder Er einen besseren findet. Vielleicht hat Charles John auch etwas über Jacob verraten, weshalb John Ihn nun töten will und weshalb Charles wirklich verbannt wurde. Keiner von uns weiß schließlich wodurch Jacob und Richard ihre Positionen rechtfertigen.
* John will Jacob aus einem eignen Machtbestreben heraus töten, denn dass Locke sich in seiner Rolle als Anführer und Befehlshaber ganz gut gefällt, lässt sich kaum von der Hand weisen. Überhaupt hat Lockes fanatischer Wunsch nach einer Bedeutung für sein eigenes Leben, ihn ja überhaupt erst in diese Position gebracht.
So, das war es nun endlich... zehn lange Seiten, aber mit weniger hätte man dieser Folge nur schwer gerecht werden können und ich hab immer noch das Gefühl, ich hätte die Hälfte weggelassen. Hinsichtlich der Bitte bezüglich der Ägyptischen Mythologie etwas zu bringen, hab ich mir überlegt, dass ich nach der fünften Staffel mal einen Text verfassen werde, der den ganzen Kram mal gesondert aufdröselt. Wer will kann mir auf der Diskussionsseite meines Lostpedia-Benutzerkontos eine Nachricht unter „Ägyptische Mythologie“ hinterlassen.
Wie immer bedanke ich mich schon mal im Voraus bei Sherlock938 fürs Korrekturlesen und sage dann mal bis nächste Woche zum Vorfall – kann sein, dass ich die Rezension da dann zweiteile, jedoch nicht zwingend nach der Episodenaufteilung, sondern eher wie es mir für die Rezension sinnig erscheint.
Namaste!
P.S.: Bitte, liebe Übersetzer, nennt die Episode im Deutschen nicht „Folge dem Führer“ – ich hab echt keinen Bock, eine Lost-Folge auf der NPD-Homepage wiederzufinden... und das dann noch bei Johns Haarpracht^^